Namen deutscher Hersteller

Dieser Text, "Traditionsmarken" wurde von Wolfgang E. Schlegel geschrieben und 2011 in der Funkgeschichte, der Zeitschrift der GFGF, veröffentlicht.

Die Erstellung dieser Seite erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion der Funkgeschichte.

 

 

 

 

 

Wer steht heute hinter den großen Namen?

Große Unterhaltungselektronik kam einst aus Deutschland, doch die berühmten Marken schwanden in den letzten 20 Jahren dahin. Nun häufen sich Begegnungen „der anderen Art“: Auf Messen und im Handel treffen wir immer öfter auf wohlbekannte Marken, die Tradition suggerieren sollen, mit dieser aber wenig zu tun haben. Im folgenden Beitrag soll ein Überblick gegeben werden, wer oder was heute hinter einigen klangvollen Namen steckt.

Graetz

Im Sommer 2007 sollte die traditionsreiche Marke Graetz von der saarländischen Veseg GmbH neu belebt werden, die unter ihr dem Fachhandel solide UE-Geräte im mittleren Preissegment bieten wollte. Nachdem indessen Vestel (Türkei) die Veseg kurz nach der IFA 2007 komplett und damit auch die Graetz-Rechte übernommen hatte, wurde diese Markenlinie eingestellt, und Graetz-Geräte aus Vestel-Produktion verschwanden wieder vom Markt.

Dual

Die Marke Dual war Inbegriff für hochwertige Plattenspieler, mit denen die bereits 1906 gegründete Firma nach 1950 groß wurde. Sie prägte den Unternehmenssitz, St. Georgen im Schwarzwald, nachhaltig und beschäftigte zu ihren besten Zeiten über 3000 Menschen. Im Jahre 1982 ging das Unternehmen in den Konkurs und wurde vom französischen Thomson-Konzern gekauft, der Dual aber schon 1988 an die Schneider-Rundfunkwerke weiterreichte. Der Markenname gehört seit 1996 der Karstadt AG bzw. deren Rechtsnachfolgern, die unter der Marke Dual Geräte der Unterhaltungselektronik vermarktent, welche aber mit dem Schwarzwälder Unternehmen nicht das geringste zu tun haben. Ausgenommen davon sind Dual-Fonogeräte, die von der Alfred Fehrenbacher GmbH, ebenfalls aus St. Georgen, auf den Markt gebracht werden und insofern die Dual-Tradition pflegen. Fehrenbacher war selbst lange Jahre Verfahrenstechniker bei PE Perpetuum Ebner und Dual.

Blaupunkt

Blaupunkt hat das erste Autoradio Europas auf den Markt gebracht, ebenso wurde hier das Navigationssystem erfunden und marktreif gemacht – ein kommerzieller Erfolg sondergleichen. Mitte Dezember 2008 wurde die bekannt, dass Bosch das Handels- und Komponentengeschäft von Blaupunkt sowie die Marke Blaupunkt verkauft. Grund sei die nicht nachhaltig erzielte Profitabilität sowie die teilweise rückläufige Nachfrage dieser Geschäftsfelder. Käufer war die Münchner Industrieholding Aurelius, die das unter Blaupunkt am Markt auftretende Handels- und Komponentengeschäft aus dem Geschäftsbereich Car Multimedia der Robert Bosch GmbH übernahm. Der Unternehmenssitz bleibt in Hildesheim, von hier sollen die Fabriken in Malaysia, Portugal und Tunesien gesteuert werden. Aurelius ist ein Finanzinvestor mit vielfältigen Interessen. Allein im Dezember 2008 kaufte er außer Blaupunkt einen britischen Buchklub und einen amerikanischen Wechselstrommotoren-Hersteller. Der neue Eigentümer versprach, dass Blaupunkt weiterhin als „Car-Infotainment“-Hersteller auf dem Markt plaziert sein soll, auf der IFA 2010 wurden u. a. auch wieder TV-Geräte mit dem blauen Punkt gezeigt, die in der Slowakei hergestellt werden sollen.

Grundig

Dieses einstige deutsche Vorzeige-Unternehmen hat eine äußerst bewegte Vergangenheit. Nachdem im Dezember 2007 der 50-%-Anteilseigner Alba plc. bei Grundig ausgestiegen war, ist nun die türkische Koç-Gruppe alleinige Inhaberin dieses Traditionsunternehmens. Fanden ursprünglich Entwicklung und Vertrieb noch in Deutschland statt, wurde Ende November 2008 auch damit Schluss gemacht: „Das Grundig-Hauptquartier in Nürnberg wird sich künftig hauptsächlich auf Produktmanagement, Markenentwicklung und Vertrieb konzentrieren. Die Konzernzentrale in Istanbul hat beschlossen, dass dafür die in Nürnberg anstehenden Entwicklungsaufgaben an die Grundig-Entwicklung in Istanbul abgegeben werden“, so eine Pressemitteilung von 28. 11. 2008. Entwicklungen aus Nürnberg wie das Digi-200-Chassis, mit dem Grundig gute Testergebnisse erzielen konnte, seien die Basis, auf der künftig die Marke weiterentwickelt werde. Die Vorgaben für die Ingenieure in Istanbul seien entsprechend hoch, heißt es weiter. Die Forderungen des deutschen und europäischen Marktes werden vom Produktmanagement analysiert, das weiterhin von Nürnberg aus agiert, und an die türkischen Entwickler weitergegeben. Damit sind Grundig-Produkte komplett türkischer Herkunft.

Nordmende

Die letzten echten Nordmende-Geräte kamen aus dem Thomson-Brand-Konzern, der 1977/1978 diesen Hersteller übernommen hatte. 1987 stand das Werk in Bremen vor dem Aus und wurde im Rahmen eines Management-Buyouts noch kurzzeitig als Zulieferer weitergeführt. Die Marke Nordmende stand später im Thomson-Konzern für designorientierte Premiumprodukte, 2001 wurde sie deaktiviert. Im Jahre 2007 übernahm die indische Videocon-Gruppe das Videocolor-Bildröhrenwerk in Agnani und gleichzeitig die Rechte an der Marke Nordmende von Thomson. In Agnani sollten ab 2009 Plasmabildschirme für Nordmende-Geräte, aber auch für externe Kunden hergestellt werden. Heute wird die Marke von der niederländischen Phillar Group genutzt, die damit vor allem in Italien erfolgreich zu sein scheint. Plasma-TV-Geräte sucht man bei Nordmende vergebens, es werden auf der Homepage LCD-TVs, einige Audiogeräte, vornehmlich für den iPod, und Haushaltelektrik angeboten.

Schaub-Lorenz

Schon im Jahre 2006 startete nach rund 18 Jahren Stille eine Neuauflage der Marke Schaub-Lorenz, einst zum ITT-Konzern (SEL) und nach 1988 zu Nokia gehörend. Heute wird sie von der Rödermarker Schaub Lorenz Deutschland GmbH genutzt, die sich zusammen mit der elta GmbH unter dem Dach der Daun & Cie AG befindet. Bereits 2006 erwarb die elta GmbH Marken- und Vertriebsrechte für Schaub-Lorenz für Deutschland, Polen und Tschechien. Unter dieser Marke werden neben UE- und Multimediageräten auch Groß- und Kleingeräte der Weißen Ware angeboten, z. B. Herde, Haartrockner und Toaster. Die Aussage, die „…Geräte bieten im mittleren Qualitätssegment ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis“ bedarf sicher keiner weiteren Interpretation.

Telefunken

Diese größte und mit Abstand bedeutendste deutsche Traditionsmarke weckte schon viele Begehrlichkeiten. Die seit 1972 eigenständige Telefunken Fernseh und Rundfunk GmbH mit Sitz Hannover wurde in den Jahren 1983 und 1984 vom französischen Thomson-Konzern übernommen, der die Marke Telefunken bis 2006 nutzte. Zum Schluss waren das nur noch wenige Geräte im Jahr. In den Jahren 2006 und 2007 zog sich Thomson völlig vom Markt mit Geräten der Unterhaltungselektronik zurück. Heute führt Telefunken ein eigenes Leben. Im Dezember 2007 übernahm ein Unternehmen namens Live Holding AG die Telefunken Licenses GmbH von der EHG Elektroholding GmbH, die zum Daimler-Benz-Konzern gehört und die Markenrechte von AEG und Telefunken verwaltete. Diese Live Holding nun gründete die Telefunken Holding AG, die als Rechtsnachfolgerin von Telefunken agiert und die Rechte an der Marke verwaltet. Dazu gehört auch die weitere Lizenzierung des Markennamens. Heute werden Fernsehgeräte, Set-Top-Boxen, digitale Bilderrahmen und mehr unter der Marke Telefunken angeboten, die weltweit beschafft und lizenziert werden, aber kaum im Fachhandel anzutreffen sind. Klaus-Peter Voigt, Vorstand Marketing und Vertrieb, zeigte sich 2009 zuversichtlich, dass der Markt die neuen Telefunken-Produkte begeistert aufnehmen werde, nicht zuletzt, weil dieser Markenname wie kaum ein anderer für deutsche Qualitätsprodukte stehe. Natürlich wolle man auch die Produktqualität überwachen, damit wirklich nur Qualitätsprodukte unter Telefunken verkauft werden…

Philips

Mitte April diesen Jahres (2011, Anm. d. Webmasters) hat nun auch Philips angekändigt, dass mit der eigenen TV-Produktion, die bereits seit Jahren komplett in China erfolgte, Schluss sein soll. Mit dem chinesischen Unternehmen TPV Technology wurde eine Vereinbarung getroffen, Philipps´TV Geschäft in ein Joint Venture einzubringen, in dem TVP 70% und Philips 30% halten werden. Das neue Unternehmen soll für Design, Produktion, Logistik, Marketing und Vertrieb verantwortlich sein und gegen Zahlung von Lizenzgebühren das Recht haben, den Markennamen Philips zu verwenden. Daran sollen strenge Qualitätsauflagen geknüpft sein. Der entgültige Abschluss der Vereinbarung wird für das dritte Quartal 2011 erwartet, seine Umsetzung bis zum Jahresende.

Stern Radio Istanbul?

Nach und nach finden die alten Markennamen zurück auf den Markt. Doch ob es Telefunken, Schaub-Lorenz oder ein anderer vertraut klingender Name ist: Mit ihren deutschen Vorvätern haben sie meist überhaupt nichts mehr zu tun. Die Geräte werden in der Regel auf dem internationalen Markt zusammengekauft und einfach umetikettiert. Vielleicht gibt es noch Hersteller aus der dritten oder vierten Reihe, die Ausschau nach einem guten Namen halten? Hier einige Empfehlungen: Körting, Huth, Schneider, Wega sind noch zu haben, ebenso die aus der DDR bekannten Marken Goldpfeil, Rema und Heli. Selbst Stern-Radio klingt so schlecht ja nun nicht, und „Tradition“ haben auch diese Marken allemal.

Dieser Beitrag ist eine gekürzte Version des Fachartikels „Markenspiele – Spielmarken?“, der im Heft 3/2009 der Zeitschrift rfe – Technik & Markt der CE-Branche erschien. Wir danken der Redaktion rfe-Elektrohändler für die freundliche Genehmigung dieses vom Autor aktualisierten Textes.

 

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